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Poliomyelitis
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Poliomyelitis (von altgriechisch ĎοΝΚĎĎ poliĂłs, deutsch âgrau, weiĂlichâ und ÎźĎ
ξΝĎĎ myelĂłs, deutsch âMarkâ)cite-ref-1[1]cite-ref-2[2] oder Poliomyelitis acuta, kurz Polio, deutsch (spinale) Kinderlähmung, Polioerkrankung oder Heine-Medin-Krankheit genannt,cite-ref-3[3] ist eine von Polioviren vorwiegend im Kindesalter hervorgerufene Infektionskrankheit. Die ursprĂźngliche Bezeichnung leitet sich von den Entdeckern des Virus, Jakob von Heine und Karl Oskar Medin, ab. Sie befällt Motoneurone und kann zu schwerwiegenden, bleibenden Lähmungen fĂźhren. Diese betreffen häufig die Extremitäten. Der Befall der Atemmuskulatur ist tĂśdlich, als Reaktion fĂźhrte dieser Krankheitsverlauf zur Entwicklung der ersten maschinellen Beatmungsverfahren. Auch Jahre nach einer Infektion kann die Krankheit wieder auftreten.
Das Virus wird meist durch Schmierinfektion (Urin oder Stuhl) Ăźbertragen, aber auch TrĂśpfcheninfektionen sind mĂśglich. Es kann sich nur im Menschen (und einigen Affenarten) vermehren und nur von Mensch zu Mensch Ăźbertragen werden.cite-ref-0-4-0[4]
Seit den 1950er Jahren sind Impfstoffe gegen Polio verfĂźgbar. Die Erkrankungszahlen sind seitdem stark rĂźckläufig. GroĂe Gesundheitsorganisationen, allen voran die WHO, arbeiten seit Jahren auf die Ausrottung von Polio hin.cite-ref-5[5] Es gibt allerdings immer wieder RĂźckschläge. So verbreitet sich Polio (Stand Anfang 2020) in Afghanistan und Pakistan. In der Ukraine erkrankten im Jahr 2015 zwei Kinder, obwohl Europa bereits 2002cite-ref-2-6-0[6] als komplett frei von Polio erklärt worden war. Im September 2022 wurde im US-Bundesstaat New York der Notstand ausgerufen, nachdem das Virus im Abwasser von vier Bezirken sowie in New York City nachgewiesen worden war (siehe unten).
Nachdem in Afrika vier Jahre lang kein neuer Fall von Wild-Poliomyelitis aufgetreten war, erklärte die WHO Afrika am 25. August 2020 fĂźr âWild-Polio-freiâ.cite-ref-7[7] Unabhängig von Wild-Polioviren breiten sich hier jedoch vom Lebendimpfstoff abgeleitete Polioviren (cVDPVs) aus, eine Folge un- bzw. unterimmunisierter Populationen mit geringen hygienischen Standards. Daher schätzte die WHO am 1. September 2020 das Risiko der Ausbreitung von cVDPVs in Zentralafrika und im Horn von Afrika als âhochâ ein.cite-ref-7-8-0[8] Mehr als ein Dutzend Länder Afrikas, darunter Angola, Kongo, Nigeria und Sambia kämpfen weiterhin gegen diese Erkrankung.cite-ref-9[9] Auch im Gazastreifen wurden im Juli 2024 in Abwasserproben cVDPVs gefunden.
Im Oktober 2024 wurde in Pakistan nach einem Anstieg von Krankheitsfällen eine landesweite Impfkampagne gestartet, um 45 Millionen Kinder vor Polio zu schßtzen.cite-ref-10[10]
Contents
⢠Vorkommen
⢠Erreger
⢠Epidemiologie
⢠Pathogenese
⢠Diagnostik
⢠Behandlung
⢠Vorbeugung
⢠Isolierung
⢠Meldepflicht
⢠Trivia
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Vorkommen
Ăberwiegend sind Kinder im Alter von drei bis acht Jahren betroffen, nur gelegentlich erkranken auch Erwachsene. FĂźr diese Viruserkrankung gibt es keine ursächliche Behandlung. Aufgrund der konsequenten Impfung gilt Polio heute in Deutschland offiziell als âausgerottetâ.
Poliomyelitis wurde klinisch erstmals im 18. Jahrhundert von dem englischen Arzt Michael Underwood (1736â1820) beschrieben.cite-ref-11[11] Genauer dargestellt wurde die Krankheit vom Schwarzwälder Orthopäden Jakob Heine, der 1840 ein Buch mit dem Titel Beobachtungen Ăźber Lähmungszustände der unteren Extremitäten und deren Behandlung herausgab.cite-ref-paul-1971-12-0[12] Was er beschrieb, nannte er in der zweiten Auflage von 1860 Spinale Kinderlähmung. Der schwedische Arzt und Forscher Karl Oskar Medin (1847â1927), der den epidemischen Charakter der Krankheit erkannte, knĂźpfte an die Erkenntnisse Heines an. Daher rĂźhrt die weitere Bezeichnung der Kinderlähmung als Heine-Medin-Krankheit.
Nach heutigen Erkenntnissen existierte Poliomyelitis bis 1880 als endemische Krankheit. Erst ab etwa 1880 trat diese Infektionskrankheit in epidemischer Form auf, die jährlich tausende Menschen betraf. Vor allem Kinder starben daran oder litten dauerhaft an kÜrperlichen Folgeschäden. Ab etwa 1910 traten in Europa und den Vereinigten Staaten regionale Epidemien im Turnus von etwa fßnf bis sechs Jahren auf. Zu den bekanntesten Opfern zählt der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, der die Forschung nach einem Impfstoff während seiner Präsidentschaft wesentlich fÜrderte. Als Fortschritt in der Erforschung eines Impfstoffes gilt die Einfßhrung der Viruskultur durch J. F. Enders im Jahre 1952. Darauf aufbauend entwickelte Jonas Salk 1954 einen inaktivierten (Tot-)Impfstoff. Dieser wirkte jedoch unzureichend. Der von Albert Sabin entwickelte abgeschwächte Lebendimpfstoff ermÜglichte ab 1960 eine Poliobekämpfung. Hierdurch sank die Zahl der Poliofälle von jährlich mehreren 100.000 auf etwa 1.000 pro Jahr.cite-ref-aylward-2006-13-0[13]
2010 kam es zu einem schweren Ausbruch in Tadschikistan, der auch nach Russland verschleppt wurde. Am 5. Mai 2014 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Poliomyelitis-AusbrĂźche in Kamerun, Pakistan und dem bĂźrgerkriegserschĂźtterten Syrien sowie die von dort erfolgte Verbreitung nach Ăquatorialguinea, Afghanistan und in den Irak zu einem âauĂerordentlichen Ereignisâ, das dringend koordinierte MaĂnahmen erfordere, um ein weltweites Wiederaufleben der Erkrankung zu verhindern.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15]
Anfang September 2015 meldete die WHO zwei Fälle von Polio bei Kindern im SĂźdwesten der Ukraine. Es bestand ein hohes Risiko, dass sich die Krankheit dort verbreiten wĂźrde, da nur 50 % der Kinder gegen Kinderlähmung geimpft waren. Wegen besserer Impfquoten bestand wenig Risiko fĂźr die Nachbarländer Rumänien, Polen, Ungarn und die Slowakei.cite-ref-16[16] Im August 2019 wurde Nigeria als letzter afrikanischer Staat offiziell als frei von Poliomyelitis erklärt. Weltweit werden aus dem Endemie-GroĂraum Afghanistan und Pakistan Neuerkrankungen gemeldet. Dort gab es 2018 33 Fälle, zu diesen kamen in Pakistan 2019 (Stand: Anfang Oktober) 72 neue Fälle hinzu.cite-ref-17[17]
Im Frßhjahr 2022 traten in Israel mindestens 6 Fälle von Polio-Infektionen aufgrund vom Lebendimpfstoff abgeleitete Polioviren (cVDPV) auf, in drei Städten wurde diese im Abwasser nachgewiesen, was auf unentdeckte Infektionen dort hindeutet. Als Reaktion auf den Ausbruch leitete das israelische Gesundheitsministerium eine Impfkampagne ein.cite-ref-israel-22-18-0[18] Im Sommer 2022 wurden cVDPVs im Abwasser von London und New York City sowie mehreren benachbarten Countys nachgewiesen. New York City rief daher im September den Katastrophenfall aus, um Bemßhungen zur raschen ErhÜhung der niedrigen Impfquote zu unterstßtzen.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]cite-ref-21[21]
Infolge des Fundes von cVDPVs des Typs 2 in Abwasserproben in zwei Städten im Gazastreifen rief die Weltgesundheitsorganisation Ende Juli 2024 im Rahmen der gemeinsamen BemĂźhungen zur Bekämpfung des sich ausbreitenden Virus Gesundheitsminister aus der gesamten Ăśstlichen Mittelmeerregion zusammen.cite-ref-22[22] Die WHO teilte am 23. Oktober 2024 mit, die schon einige Wochen vorher begonnene Polio-Impfkampagne im Gazastreifen kĂśnne wegen heftiger Bombardierungen nicht wie geplant fortgesetzt werden. Dort sollten rund 120.000 Kinder unter zehn Jahren mit der zweiten Impfdosis versorgt werden. Die erste Runde der Impfungen Mitte September war ohne grĂśĂere Zwischenfälle verlaufen und im mittleren und sĂźdlichen Gazastreifen hatten fast 443.000 Kinder bereits ihre zweite Impfdosis erhalten.cite-ref-39-23-0[23] Die Weltgesundheitsorganisation und UNICEF meldeten Anfang November 2024 den Abschluss der Polio-Impfkampagne im Gazastreifen. 556.774 Kinder unter zehn Jahren hätten eine zweite Dosis des Polio-Impfstoffes erhalten. Etwa 7.000 bis 10.000 Kinder im Norden des Gazastreifens habe man wegen der dort immer noch laufenden israelischen GroĂoffensive allerdings nicht erreichen kĂśnnen.cite-ref-24[24]
Im November 2025 gaben deutsche BehĂśrden bekannt, dass in einer Abwasserprobe aus Hamburg erstmals seit Beginn des routinemäĂigen Umweltmonitorings im Jahr 2021 der Wildtyp des Poliovirus nachgewiesen wurde. Die Probe war in der Woche ab dem 6. Oktober 2025 entnommen worden. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) handelt es sich um den ersten Nachweis eines wilden Poliovirus in Deutschland seit mehr als 30 Jahren; menschliche Infektionen wurden nicht gemeldet.cite-ref-25[25]
Erreger
Der Erreger dieser Erkrankung ist das Poliovirus. Es ist ein unbehĂźlltes Virus mit einzelsträngiger RNA positiver Polarität (ss(+)RNA) von ca. 30 Nanometer Durchmesser, das zur Gattung Enterovirus der Familie Picornaviridae gehĂśrt. Es sind drei Serotypen bekannt: Typ 1 (âBrunhildeâcite-ref-0-4-1[4]), der als am stärksten lähmungsverursachend gilt und zur epidemischen Ausbreitung neigt; er wurde nach einer damals infizierten Schimpansin namens Brunhilde benannt. Daneben gibt es noch Typ 2 (âLansingâcite-ref-0-4-2[4]) sowie Typ III (âLeonâcite-ref-0-4-3[4]), die seit Jahren nicht mehr nachgewiesen wurden und inzwischen von der WHO fĂźr ausgerottet erklärt wurden.cite-ref-26[26] Zwischen den drei Erregertypen gibt es keine Kreuzimmunität. Das heiĂt, eine Infektion mit einem der drei Typen schĂźtzt nicht vor einer weiteren Infektion mit einem der beiden anderen Typen. AuĂer dem Menschen werden auch ein paar Menschenaffen befallen; die Ăbertragung beim Menschen erfolgt durch andere Menschen.
Ăbertragungswege
Weil das Virus sich im Magen-Darm-Trakt vermehrt, wird es durch die fäkal-orale Route Ăźbertragen. Das Risiko einer Infektion ist hoch, wenn die Nahrung mit Viren kontaminiert ist oder wenn die allgemeine Hygiene ungenĂźgend ist. Weil Polioviren in kaltem Wasser lange konserviert werden, kann in Ländern der gemäĂigten Klimazone auch das Trinkwasser eine Infektionsquelle sein. Forscher aus Schweden haben das schon in den 1940er Jahren vermutet.cite-ref-27[27] Das wĂźrde erklären, warum die Stadt New York besonders schwer getroffen wurde. Dort gab es in den Jahren 1931, 1935 und 1944 Epidemien mit 59,1 bzw. 28,5 bzw. 24,6 gemeldeten Fällen pro 100.000 Einwohner. Im Gegensatz dazu wurden im gleichen Zeitraum in London im Mittel nur 2 Fälle pro 100.000 Einwohner. gemeldet.cite-ref-28[28] Während in London das Trinkwasser aus Grundwasser gewonnen wurde, kam es in New York aus Stauseen in den Bergen nĂśrdlich der Stadt,cite-ref-29[29] wo die New Yorker im Sommer oft das Wochenende oder die Ferien verbrachten. Das kĂśnnte auch erklären, warum die Epidemien immer im Sommer auftraten.cite-ref-30[30]
Epidemiologie
Der Erreger ist auĂer in den Polargebieten weltweit anzutreffen. Durch eine konsequente DurchfĂźhrung von ImpfmaĂnahmen ist das häufige Auftreten der Erkrankung auf Gebiete in Asien zurĂźckgedrängt worden. Seit der Ausrufung des WHO-Eradikationsziels 1988 ist die Zahl der Fälle von damals noch jährlich 350.000 in 125 Ländern weltweit um 99 % gesunken, und nur die drei Länder Afghanistan, Pakistan und Nigeria waren bis dahin nie erregerfrei.cite-ref-aerztezeitung-31-0[31] In Deutschland erfolgte die letzte Ansteckung mit Polio 1990. Die letzten eingeschleppten Infektionen wurden 1992 registriert. In den USA gab es im Jahr 1979 in den Bundesstaaten Iowa, Wisconsin, Missouri und Pennsylvania einen Ausbruch ausschlieĂlich unter den strenggläubigen Amischen. Ein erneuter Ausbruch wurde im Oktober 2005 ebenfalls nur bei Anhängern dieser Glaubensgemeinschaft in Minnesota gemeldet. In Westeuropa ereignete sich die letzte Polio-Epidemie im Jahr 1992 in den Niederlanden. Dort waren Mitglieder fundamentalistisch-calvinistischer Gemeinden betroffen, die Impfungen aus religiĂśsen GrĂźnden ablehnen.
Das verstärkte Auftreten von Polio nach 2003 in Nigeria â einem Land, das bis vor 2003 als praktisch poliofrei galt â kann eindeutig auf eine in jenem Jahr von Ibrahim Datti Ahmed, Arzt und Präsident des Obersten Scharia-Rats in Nigeria, ausgegebene Fatwa zurĂźckgefĂźhrt werden.cite-ref-32[32] Das Gutachten Ahmeds behauptete, Polio-Impfungen seien eine âVerschwĂśrungâ seitens der USA und der UN gegen den muslimischen Glauben und wĂźrden dazu dienen, die Muslime zu âsterilisierenâ. In den folgenden Jahren nahmen die Polio-Fälle in Nigeria daher wieder zu und verbreiteten sich von dort aus in andere Länder. Noch zehn Jahre später wurden im nigerianischen Kano Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes, die an Impfprogrammen mitwirkten, durch mutmaĂlich der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram angehĂśrende MotorradschĂźtzen ermordet.cite-ref-33[33] In Somalia wurden 2013 bereits 174 Fälle nachgewiesen, 2012 waren es null.cite-ref-aerztezeitung-31-1[31] 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den afrikanischen Kontinent als poliofrei.cite-ref-34[34]
Die WHO will in den nächsten Jahrzehnten das Poliovirus, ähnlich wie in den 1970er Jahren die Pocken, weltweit ausrotten; der Erreger scheint dazu geeignet, da er sich praktisch nicht verändert und faktisch nur den Menschen als Reservoir hat. Unabdingbar fĂźr das Gelingen dieses Vorhabens ist allerdings eine nicht nachlassende Impfbereitschaft weltweit, da das Virus umweltstabil ist und quasi âausgehungertâ werden muss, so dass es keinen Wirt mehr findet. Eine mĂśglichst hohe weltweite Immunisierungsrate Ăźber Jahre ist dafĂźr zwingend notwendig. 2007 gab es weltweit 1310 Fälle von Poliomyelitis durch Wildviren. Im Jahr 2008 war das Virus nur noch in Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan endemisch.cite-ref-35[35]cite-ref-36[36] Bis Mitte 2015 gelang es, die Neuinfektionen auf zwei Länder zu begrenzen; Neuinfektionen traten bisher nur in Pakistan und Afghanistan auf. Ein Land gilt als âpoliofreiâ, wenn drei Jahre lang keine Neuinfektionen aufgetreten sind.cite-ref-37[37] Von den drei Typen des Polio-Wildvirus ist Typ 2 (WPV2) bereits seit 1999 nicht mehr nachgewiesen. Nach Angabe der GPEI wurde der Wildtyp 3 zuletzt im November 2012 nachgewiesen.cite-ref-38[38] 2015 wurde Typ 2 durch die WHO als ausgerottet erklärt. Daher wurde fĂźr die weiteren Impfprogramme inzwischen auch ein bivalenter Impfstoff ohne Immunisierung gegen Typ 2 entwickelt. Am Welt-Poliotag am 24. Oktober 2019 erklärte die WHO auch Typ 3 fĂźr ausgerottet.cite-ref-39[39]
Das Virus wird unter schlechten hygienischen Bedingungen durch kotverschmutzte Hände oder Gegenstände Ăźbertragen und Ăźber den Verdauungstrakt aufgenommen (fäkal-orale Schmierinfektion oder Kontaktinfektion). Es kommt aber auch zu Ăbertragungen durch TrĂśpfcheninfektion.cite-ref-dgpi-40-0[40] Die Ansteckungsfähigkeit setzt offensichtlich schon wenige Stunden nach der Infektion ein. Im Rachen (TrĂśpfcheninfektion) hält sie eine, im Kot drei bis sechs Wochen an. Die Inkubationszeit beträgt 7â14 (3â35) Tage.cite-ref-dgpi-40-1[40]cite-ref-rki-41-0[41]
Pathogenese
Das Poliovirus wird meist durch den Mund in den KĂśrper aufgenommen und vermehrt sich anschlieĂend im Darm. Von dort aus befällt es zunächst die lokalen Lymphknoten und verteilt sich nach Vermehrung Ăźber die Blutbahn (Virämie). Dabei gelangt es als neurotropes Virus bevorzugt in diejenigen Nervenzellen im Vorderhorn des RĂźckenmarks (Îą-Motoneurone), die mit ihren Fortsätzen die quergestreifte Muskulatur erreichen und steuern. Als Reaktion auf die Infektion wandern kĂśrpereigene Abwehrzellen (Leukozyten) ins RĂźckenmark ein, wobei eine EntzĂźndung die Nervenzellen letztlich zerstĂśrt. Die Folgen sind mehr oder weniger ausgeprägte, ungleichmäĂig verteilte schlaffe Lähmungen, vorwiegend an den Beinen. Der BerĂźhrungssinn bleibt dabei erhalten.
Neben dem Befall des RĂźckenmarks ist bei der paralytischen Verlaufsform fast immer auch das Gehirn selbst mitbetroffen, so dass exakterweise von einer Poliomyeloencephalitis gesprochen werden mĂźsste. Vor allem im Bereich des Kleinhirns, der BrĂźcke und des verlängerten Marks treten regelmäĂig Einwanderungen von EntzĂźndungszellen (entzĂźndliche Infiltrate) und Nervenzelluntergänge auf. Diese fĂźhren aber nur selten zu eigenen Symptomen. Lediglich die den spinalen Vorderhornzellen analogen Neurone in den Hirnnervenkernen des IX. und X. Hirnnerven sind häufiger betroffen. Durch den Befall dieser Zellen kommt es zur gefĂźrchteten bulbären Form, bei der die Kehlkopffunktion (Sprechen und Atmung) oder das Schlucken beeinträchtigt sein kann. Solche Lähmungen kĂśnnen schon innerhalb weniger Stunden nach Befall des Nervensystems auftreten.
Krankheitsverlauf, Symptome
In rund 72 Prozent der Fällecite-ref-42[42] verläuft die Infektion asymptomatisch (ohne Krankheitsanzeichen), so dass auch von keinem Krankheitsverlauf gesprochen werden kann.cite-ref-rki-41-1[41] Stattdessen kommt es â vom Infizierten unbemerkt â zur Bildung von AntikĂśrpern und damit zu einer sogenannten stillen Feiung. Bei 4â8 % der Infizierten gibt es vorĂźbergehende, unspezifische Symptome.
Abortive Poliomyelitis
Nach einer Inkubationszeit von 6â9 Tagen kommt es zu einer etwa dreitägigen Erkrankung mit Fieber, Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, oft Durchfall und Erbrechen.cite-ref-dgpi-40-2[40] Die Viren vermehren sich stark in den Darmepithelzellen, es werden zwischen 106 und 109 infektiĂśse Viren pro Gramm Stuhl ausgeschieden.cite-ref-8-43-0[43] Zudem kommt es auch kurz nach Infektion zu einer Vermehrung in den Rachenschleimhautzellen, was eine im Vergleich zur fäkal-oralen schwächere Ăbertragung durch TrĂśpfcheninfektion ermĂśglicht. Solange die Viren ausgeschieden werden, ist man infektiĂśs.cite-ref-8-43-1[43]
Bei mehr als drei Viertelncite-ref-dgpi-40-3[40] der Erkrankten heilt diese abortive Poliomyelitis (abortiv fĂźr âabgekĂźrzt, abgeschwächt verlaufendâ) folgenlos aus. Die Zellen des Zentralnervensystems (ZNS) werden dabei nicht infiziert.
Infektion mit ZNS-Beteiligung
Bei etwa 5â10 Prozent der symptomatischen Patientencite-ref-dgpi-40-4[40] kommt es jedoch zu einer Beteiligung des Zentralnervensystems, bei der die oben geschilderten Symptome das Prodromalstadium (Vorstadium) der Erkrankung darstellen. Nach einer fieber- und beschwerdefreien Phase von etwa einer Woche entwickeln diese Patienten eine nichteitrige HirnhautentzĂźndung (aseptische Meningitis), bei der Lähmungen (Paralysen) der Muskulatur fehlen (nichtparalytische Poliomyelitis). Diese Form der HirnhautentzĂźndung ist durch einen erneuten Fieberanstieg auf 39 °C, Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit charakterisiert. Wird die RĂźckenmarksflĂźssigkeit (das Nervenwasser, der Liquor cerebrospinalis) untersucht, finden sich darin eine ErhĂśhung der Zellzahl und eine geringe ErhĂśhung der EiweiĂkonzentration.
Nur bei etwa 1 Prozent der Infizierten kommt es zur Entwicklung der paralytischen Poliomyelitis, der schwersten Form des Krankheitsbildes, die als âklassische Kinderlähmungâ gefĂźrchtet wird. Dies kann auch nach einer fieber- und beschwerdefreien Latenzzeit von etwa 2â12 Tagen geschehen, in der sich die Symptome der Meningitis zunächst bessern, es somit zu einem zweiphasigen (biphasischen) Verlauf kommt (der Krankheitsablauf kann in zwei Phasen eingeteilt werden). Charakteristisch fĂźr den plĂśtzlichen Beginn der paralytischen Form ist eine âMorgenlähmungâ des noch am Vorabend gesunden Kindes. Die Lähmungen sind schlaff (im Gegensatz zur spastischen Lähmung bei Schädigung der motorischen Hirnrinde oder der Pyramidenbahn), asymmetrisch verteilt, bevorzugen die Muskulatur der Oberschenkel und sind oft mit erheblichen Schmerzen verbunden. Wenn die zugehĂśrigen Segmente des RĂźckenmarks beteiligt sind, kĂśnnen aber auch die Muskulatur von Rumpf, Zwischenrippenräumen, Harnblase, Mastdarm oder sogar das Zwerchfell betroffen sein. Viel seltener sind die Ursprungsgebiete der Hirnnerven (Hirnnervenkerne) betroffen. Bei dieser bulbären Form kommt es unter hohem Fieber zu SchluckstĂśrungen oder Atem- und KreislaufregulationsstĂśrungen. Diese ernste Verlaufsform ist mit einer hohen Sterblichkeit belastet. Jede zusätzliche Belastung beispielsweise in Form von kĂśrperlicher Anstrengung oder banalen Eingriffen wie beispielsweise Injektionen in einen Muskel oder Mandelentfernung besonders im Anfangsstadium der Erkrankung erhĂśht das Risiko, dass später Lähmungen auftreten.cite-ref-dgpi-40-5[40] FĂźr die Gesamtheit der Erkrankten, bei denen Lähmungen auftreten, liegt die Sterblichkeit (Letalität) bei etwa 2â20 %.
Spätkomplikationen
Normalerweise bilden sich die Symptome innerhalb eines Jahres zurĂźck, jedoch kĂśnnen Lähmungen, Durchblutungs- und HauternährungsstĂśrungen als Dauerschaden zurĂźckbleiben. Auch Gelenkschäden aufgrund der Lähmungen und der veränderten Statik wie Skoliose der Wirbelsäule und FuĂdeformitäten stellen bleibende Beeinträchtigungen dar. Ein gebremstes Längenwachstum einzelner betroffener Extremitäten kann das Kind im Wachstum zum Invaliden machen. Nach Entfieberung ist zunächst kein weiteres Fortschreiten der Lähmungen zu erwarten. Teilweise erst Jahre oder Jahrzehnte nach der Infektion tritt aber noch das Post-Poliomyelitis-Syndrom als Spätfolge auf. Dessen Symptome zeigen sich in extremer MĂźdigkeit, Muskelschmerzen und Muskelschwund in neuen und frĂźher schon betroffenen Muskeln, Atem- und Schluckbeschwerden. Diese Spätkomplikation scheint eher die Regel als die Ausnahme zu sein.cite-ref-dgpi-40-6[40]
Diagnostik
Klinisch lenkt der doppelgipfelige Fieberverlauf spätestens beim Auftreten der Lähmungen den Verdacht auf das Vorliegen einer Poliomyelitis. Das Virus kann aus dem Stuhl, aus Rachenspßlwasser und aus dem Hirnwasser angezßchtet werden. Auch der molekularbiologische Nachweis von Virus-Erbinformation (RNA) mittels der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) ist mÜglich. Bei fehlendem Erregernachweis kÜnnen im Serum spezifische AntikÜrper gegen die Polioviren die Diagnose absichern.
Differentialdiagnose
Während der ersten Krankheitsphase muss die Poliomyelitis von anderen fieberhaften Infektionen durch andere Erreger abgegrenzt werden. Symptome einer Meningitis, auch mit auftretenden Lähmungen, kĂśnnen auch durch andere Erreger der Gruppe der Enteroviren wie Coxsackie- und Echoviren sowie die FrĂźhsommer-Meningoenzephalitis verursacht werden. Bei bulbärer Verlaufsform stellt die in unseren Breiten ebenfalls selten gewordene Diphtherie eine wichtige Differenzialdiagnose dar. Das Guillain-BarrĂŠ-Syndrom ist im Gegensatz zur Poliomyelitis durch symmetrische, von den FĂźĂen immer weiter aufsteigende Lähmungen gekennzeichnet. Fieber und Nackensteife als Zeichen einer HirnhautentzĂźndung fehlen.
Behandlung
Da keine ursächliche antivirale Therapie existiert, beschränkt sich die Behandlung auf symptomatische MaĂnahmen. Dazu gehĂśren Bettruhe mit Sicherstellung einer sorgfältigen Pflege, korrekte Lagerung und physikalische Therapie. Die auftretenden Schmerzen kĂśnnen auĂer durch Schmerzmittel und entzĂźndungshemmende Mittel auch mit feuchtwarmen Packungen um die betroffenen Partien gelindert werden.cite-ref-dgpi-40-7[40] Beim geringsten Verdacht auf das Vorliegen der bedrohlichen bulbären Verlaufsform mit Auftreten von Schluck- oder AtemstĂśrungen muss frĂźhzeitig eine intensivmedizinische Ăberwachung und Behandlung sichergestellt werden. Zur Nachbehandlung gehĂśrt neben einer angemessenen Krankengymnastik gegebenenfalls auch die Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln. Dadurch kann noch bis zu zwei Jahre nach der akuten Erkrankung eine Verbesserung der Beweglichkeit erreicht werden.cite-ref-dgpi-40-8[40] Eventuell kommen auch kosmetische Operationen wie zum Beispiel eine Wadenplastik infrage.
Orthese als Hilfsmittel zum Gehen
Bei Lähmungen, Längendifferenzen und Deformationen der unteren Extremitäten kann es zu Behinderungen beim Gehen mit Kompensationsmechanismen kommen, die zu einer starken Beeinträchtigung des Gangbildes fßhren. Hierbei kÜnnen Orthesen in das Therapiekonzept einbezogen werden.cite-ref-44[44] Moderne Materialien und Funktionselemente ermÜglichen heute die gezielte Anpassung der Orthese an die Anforderungen, die sich aus dem Gangbild des Patienten ergeben. Standphasensicherungsgelenke sperren das Kniegelenk in den frßhen Standphasen und geben das Kniegelenk bei Einleitung der Schwungphase zur Kniebeugung frei. Mit Standphasensicherungsgelenken kann auf diese Weise trotz mechanischer Sicherung gegen ungewollte Kniebeugung ein natßrliches Gangbild erreicht werden. Häufig werden in diesen Fällen auch gesperrte Kniegelenke eingesetzt, die zwar eine gute Sicherungsfunktion haben, allerdings die Kniebeugung beim Gehen in der Schwungphase nicht freigeben. Das Kniegelenk bleibt in der Schwungphase mechanisch blockiert. Patienten mit gesperrten Kniegelenken mßssen das Bein auch in der Schwungphase in steifer Haltung nach vorne schwingen. Das gelingt nur, wenn der Patient kompensatorische Mechanismen entwickelt, zum Beispiel durch Anhebung des KÜrperschwerpunktes in der Schwungphase (Duchenne-Hinken) oder durch seitliches Ausschwingen des Orthesenbeins (Zirkumduktion).cite-ref-45[45]
Vorbeugung
â
Hauptartikel
:
Polioimpfstoff
Impfung mit Lebendimpfstoff (OPV)
Zur Vorbeugung ist eine prophylaktische Impfung mĂśglich und von der STIKO allgemein empfohlen. Im Jahr 1960 (DDR und West-Berlin) bzw. 1962 (Westdeutschland) wurde zunächst die Poliomyelitis-âSchluckimpfungâ (orale Polio-Vakzine, OPV) mit abgeschwächten Erregern (attenuierter Lebendimpfstoff) eingefĂźhrt.cite-ref-8-43-2[43] Bereits 1965, nur wenige Jahre nach Beginn der ersten Impfkampagnen, hatte sich die Zahl der im Bundesgebiet erfassten Erkrankungen auf weniger als 50 Neuerkrankungen reduziert, im Vergleich zu den 4.670 gemeldeten Neuerkrankungen im Jahr 1961 war das ein RĂźckgang um 99 %.cite-ref-1-46-0[46] Die letzten beiden einheimischen Erkrankungen durch Polio-Wildviren traten in Deutschland in den Jahren 1986 und 1990 auf, die letzten beiden importierten Fälle wurden 1992 erfasst (aus Indien und Ăgypten).cite-ref-1-46-1[46]cite-ref-8-43-3[43] In Ăsterreich erkrankten zwischen 1946 und 1961 an die 13.000 Kinder an Polio und 1.500 von ihnen starben. Seit 1961 verliefen nur mehr sechs Fälle tĂśdlich, zuletzt 1973 (Stand 2010).cite-ref-47[47]
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die zeitversetzte Abnahme der Erkrankungen in BRD und DDR nach Einfßhrung der Polio-Impfung 1960 (DDR) oder 1962 (BRD). Die Anzahl der gemeldeten Erkrankungen betrug nach den Meldezahlen des damaligen Bundesseuchengesetzes bzw. des Gesetzes zur Verhßtung und Bekämpfung ßbertragbarer Krankheiten beim Menschen der DDR:cite-ref-3-48-0[48]
| Jahr | 1957 | 1958 | 1959 | 1960 | 1961 | 1962 | 1963 | 1964 | 1965 | 1966 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| BRD | 2.402 | 1.750 | 2.114 | 4.198 | 4.673 | 296 | 241 | 54 | 48 | 17 |
| DDR | 1.596 | 0. 958 | 0. 958 | 0. 126 | 0.00 4 | 00 2 | 00 5 | 0 0 | 0 1 | 0 2 |
Risiken der OPV
Nach Impfung mit den zwar abgeschwächten, doch lebens- und vermehrungsfähigen Viren werden diese einige Zeit lang mit dem Stuhl ausgeschieden.cite-ref-5-50-0[50] Unter ungĂźnstigen hygienischen Verhältnissen oder engem KĂśrperkontakt kĂśnnen sich ungeimpfte Kontaktpersonen Ăźber eine Schmierinfektion bzw. Kontaktinfektion anstecken (Impfpoliomyelitis). Das fĂźhrt im gĂźnstigen Fall zu einer ungeplanten weiteren Durchimpfung der BevĂślkerung.cite-ref-5-50-1[50] Es kĂśnnen aber auch nach mehrmaliger Vermehrung und Passage von Impfviren verschiedene Mutationen zur virulenten Form der Viren erfolgen.cite-ref-5-50-2[50] Der Erreger wird in solchen Fällen als circulating vaccine-derived poliovirus (zirkulierende, vom Impfstoff abgeleitete Polioviren, cVDPV) bezeichnet.cite-ref-6-51-0[51] Eine Nummer kennzeichnet dabei, um welchen der drei mĂśglichen, rĂźckmutierten Typen es sich handelt. Damit cVDPVs entstehen kĂśnnen, bedarf es mindestens 12 Monate in einer un- oder unterimmunisierten Population (eine ausreichend immunisierte BevĂślkerung wäre vor cVDPVs ebenso wie vor Polio-Wildviren geschĂźtzt). Dies kann dann zu kleinen AusbrĂźchen und lokal begrenzten Epidemien fĂźhren, wie 2000/01 in der Dominikanischen Republik und auf Haiti,cite-ref-52[52] 2019 auf den Philippinencite-ref-53[53] oder 2020 im Sudan.cite-ref-7-8-1[8] Nach einer Ansteckung mit cVDPVs kann es zu klinischen Symptomen fĂźhren â inklusive Lähmungserscheinungen. Diese Symptome kann man dabei nicht von denen unterscheiden, die von Polio-Wildviren ausgelĂśst werden; dies vermag nur eine Laboranalyse.cite-ref-54[54] Bis 2015 wurden Ăźber 90 % der untersuchten cVDPVs dem Typ 2 zugeordnet (cVDPV2). Da das Polio-Wildvirus Typ 2 bereits 1999 ausgerottet war, wurde ab April 2016 bei Standardimmunisierungsprogrammen dem ehemals trivalenten OPV-Impfstoff die Typ-2-Komponente entfernt.cite-ref-5-50-3[50]
Wenn die attenuierten Impfviren spontan zu virulenten Varianten mutieren, kann eine ernste, jedoch extrem seltene Nebenwirkung (ca. 1 pro 2,7 Millionen Dosen des Impfstoffs) auftreten: die sogenannte Vakzin-assoziierte paralytische Poliomyelitis, VAPP, also mit der Impfung verknßpfte Poliofälle.cite-ref-6-51-1[51]cite-ref-8-43-4[43]
Die Impfung mit Polio-Lebendimpfstoff wird daher vom Robert Koch-Institut nicht mehr empfohlen, sofern das Wild-Virus nicht erneut auftritt.cite-ref-stiko-empfehlungen-55-0[55] In Deutschland trat die letzte mit dem Impfvirus in Zusammenhang gebrachte Poliomyelitis bei einer Frau mit AntikĂśrpermangelsyndromcite-ref-8-43-5[43] im Jahr 2000 auf.cite-ref-1-46-2[46] Es handelte sich aber nicht um eine klassische VAPP, da die Erkrankte bereits 1998 mit OPV geimpft worden war.
In Deutschland wird seit 1998 routinemäĂig ein reines IPV-Schema angewendet. Der Grund fĂźr die Abkehr von der OPV war âdie Verunsicherung der impfenden Kollegen durch die gerichtliche Behandlung von Impfschadensfällenâ.cite-ref-56[56] Das individuelle Interesse an einer absolut risikolosen Impfung erhielt damit Vorrang vor dem von der WHO verfolgten Ziel der globalen Ausrottung der Krankheit. Ein Team aus der Schweiz vertritt âdie These, dass die alleinige Anwendung der IPV in immer mehr Ländern, die sich das leisten kĂśnnen, das Gelingen der gesamten WHO-Kampagne zur Ausrottung der Poliomyelitis in Frage stelltâ.cite-ref-57[57]
Impfung mit Totimpfstoff (IPV)
In Europa erfolgen deshalb Impfungen gegen Poliomyelitis seit 1998 mit einem Totimpfstoff (nach Jonas Salk), der nicht geschluckt, sondern gespritzt wird (inaktivierte Polio-Vakzine, IPV). Die geringere Wirksamkeit der IPV gegenßber der OPV spielt keine Rolle, sofern das Wild-Virus nicht erneut vermehrt auftritt. Zudem gelten Wildpoliovirus Typ 2 und Wildpoliovirus Typ 3 als ausgerottet, so dass eine Ansteckung nur noch mit dem Typ 1 sowie den cVDPVs erfolgen kÜnne.cite-ref-58[58] Mit IPV geimpfte Personen erwerben allerdings keinen sicheren Schutz vor der Aufnahme von Polio-Wildviren ßber den Darm etwa aus kontaminiertem Trinkwasser. Sie kÜnnen sich daher weiter mit diesen Viren infizieren und sie unbemerkt ausscheiden und dadurch als asymptomatische Keimträger an Dritte weiterverbreiten.cite-ref-rki-faq-polio-ipv-ausscheider-59-0[59] Das ergab beispielsweise die Untersuchung des Ausbruchs einer Polio-Epidemie in Israel im Jahr 2013, bei der 26 der 28 infizierten Personen Polioimpfungen entsprechend den Empfehlungen erhalten hatten.cite-ref-60[60]
Rotary International und Polio
Im Kampf gegen Poliomyelitis fĂśrdert Rotary International verschiedene Projekte.cite-ref-polio-61-0[61] 1985 dehnte Rotary International das Programm unter dem Namen PolioPlus weiter aus. PolioPlus wird durchgefĂźhrt in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), den GesundheitsbehĂśrden der USA (CDC) und den nationalen Gesundheitsministerien. Nach jĂźngsten Schätzungen wird Rotary bis zur endgĂźltigen Ausrottung des Virus ca. 1,2 Milliarden US-Dollar aufgewendet haben.cite-ref-polio09-62-0[62] Die Poliokampagne profitierte zuletzt von einer Partnerschaft, die Rotary International mit der Bill & Melinda Gates Foundation eingegangen ist. Die Stiftung spendete 355 Mio. US-Dollar.cite-ref-polio09-62-1[62] Auch die Gewinne des Rotary nahestehenden Vereins âDeckel draufâ, welcher von 2014 bis 2019 KunststoffschraubverschlĂźsse schwerpunktmäĂig bei Privatpersonen sammelte und die Einnahmen in die Polioimpfung steckte, wurden durch die Bill & Melinda Gates Foundation verdreifacht.
Isolierung
Patienten, die an Poliomyelitis erkrankt sind oder bei denen eine Ausscheidung von Polioviren vermutet wird, sollten zum Schutz von anderen Patienten und Personal isoliert werden. Das Personal sollte bei der Pflege Schutzkittel und Handschuhe tragen.cite-ref-dgpi-40-9[40]
Geschichte und geographische Verbreitung
Die endemische Phase der Poliomyelitis
Poliomyelitis ist eine seit vielen Jahrhunderten bekannte Krankheit. Anders als bei Grippe, Pocken und Pest sind jedoch bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts keine groĂen Poliomyelitis-Epidemien bekannt. Die frĂźhesten bekannten Hinweise auf Poliomyelitis sprechen daher von Einzelfällen und nicht von KrankheitsausbrĂźchen, die zu einer Vielzahl von Kranken fĂźhrten.
Als ältester Hinweis auf eine Polio-Erkrankung gilt eine ägyptische Steintafel aus der Zeit der 18. Dynastie (15. Jahrhundert v. Chr.) Sie zeigt einen jungen Mann, der wahrscheinlich eine Priesterfunktion innehatte, mit einem deformierten Bein und einer Krßcke.
Sowohl Hippokrates als auch Galen haben in ihren Schriften KlumpfuĂ-Deformationen beschrieben, die an die Krankheitsbilder erinnern, die fĂźr an Kinderlähmung Erkrankte charakteristisch sind. Auch sie sprechen jedoch von Einzelfällen. Ăhnliches gilt fĂźr die Schriften, die aus dem Mittelalter Ăźberliefert sind. Eine grĂśĂere Anzahl von Fällen ist aus dem 17. und 18. Jahrhundert bekannt. Zu den mutmaĂlichen Opfern einer Polio-Erkrankung zählt der Schriftsteller Walter Scott, der im Alter von 18 Monaten erkrankte und ab diesem Zeitpunkt lahmte.cite-ref-63[63]
Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts trat Polio in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten in einer solchen Form auf, dass es bei mehreren Erkrankten zu bleibenden Schäden kam. Betroffen waren ein Dorf an der franzÜsischen Kßste, eine britische Stadt in Nottinghamshire und zwei ländliche Gemeinden im US-amerikanischen Bundesstaat Louisiana und in Schweden. In jedem dieser Orte kam es zu Dutzenden von Fällen mit Folgeschäden. Betroffen waren immer junge Kinder, und die Fälle ereigneten sich immer im Sommer.cite-ref-oshinsky-s-11-64-0[64]
Die vermehrten Krankheitsfälle fĂźhrten dazu, dass Polio etwa zur gleichen Zeit erstmals gegenĂźber anderen Erkrankungen wissenschaftlich abgegrenzt wurde. 1838 berichtete Jakob von Heine auf der Naturforscherversammlung zu Freiburg von akuten Lähmungen der Beine bei Kindern. Zwei Jahre darauf beschrieb er das Krankheitsbild unter dem Namen Spinale Kinderlähmung in einer Monographie und grenzte es erstmals als eigenständig ab. Andere Autoren bezeichneten sie in der Folge als wesentliche Lähmung oder atrophische Kinderlähmung. Jean Louis PrĂŠvost und EdmĂŠ Vulpian beschrieben 1865 die pathologisch-anatomischen Veränderungen der Vorderhornzellen. Adolf KuĂmaul unterstrich die anatomische Lokalisation der Erkrankung in der grauen Substanz des RĂźckenmarks und schlug 1874 erstmals den Namen Poliomyelitis acuta anterior vor. Adolf von StrĂźmpell erkannte die Krankheit 1884 als Infektionskrankheit.
Poliomyelitis als Epidemie
Während es sich zuvor meist um Einzelfälle gehandelt hatte, breitete sich die Kinderlähmung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in bedrohlichem Umfang aus. Als es 1887 im Raum Stockholm zu einer Häufung von Krankheitsfällen kam, wurde die âinfantile Paralyseâ, wie die Poliomyelitis (acuta anterior) seinerzeit genannt wurde, von dem Kinderarzt Karl Oskar Medin als epidemische Krankheit eingestuft. Die erste wissenschaftlich beschriebene Polio-Epidemie in den Vereinigten Staaten war 1894 die Otter-Valley-Epidemie.cite-ref-oshinsky-s-11-64-1[64] Der Landarzt Charles Caverley wertete während dieser Epidemie 123 Fälle aus, von denen knapp 50 Prozent schnell und ohne Folgeschäden wieder gesund wurden. Seine Befunde wiesen aber auch darauf hin, dass Polio wesentlich häufiger auftrat, als man bislang vermutet hatte. Ivar Wickman bestätigte wenige Jahre später mit detaillierten klinischen und epidemiologischen Studien die noch umstrittene Hypothese, dass Polio durch KĂśrperkontakt Ăźbertragen wird. Anschauungsmaterial lieferte ihm vor allem die groĂe schwedische Epidemie im Jahr 1905 mit insgesamt 1.031 registrierten Fällen. Am Beispiel des kleinen Kirchspiels Trästena in der heutigen Gemeinde TĂśreboda zeigte er, dass Personen mit groĂer Kontaktfläche leichter Opfer der Krankheit wurden. Innerhalb von nur sechs Wochen hatten sich 49 Kinder neu infiziert. Er machte zunächst die Beobachtung, dass sich die Krankheit entlang der StraĂen und der Eisenbahnlinie ausbreitete. Nach wochenlangen Feldstudien gelang Wickman der Nachweis, dass die Ăśffentliche Schule des Ortes eine wichtige Rolle bei der Streuung der von ihm so genannten Heine-Medinschen Krankheit spielte.cite-ref-65[65] Im Herbst 1908 starb Ferdinand Sauerbruchs erstes Kind, eine Tochter, einige Monate nach ihrer Geburt in Marburg an der zu dieser Zeit in Hessen aufgekommenen Kinderlähmung.cite-ref-66[66] Im selben Jahrcite-ref-67[67] gelang es Karl Landsteiner und Erwin Popper, Affen mit dem Poliomyelitisvirus zu infizieren, und sie beschrieben ein neurotropes, filtrierbares Virus. Damit war der Beweis fĂźr die infektiĂśse Natur der epidemischen Kinderlähmung und die Virusnatur des Erregers erbracht. 1910 entdeckten Constantin Levaditi und der Mikrobiologe Juste Arnold Netter (1855â1936) Poliomyelitis-AntikĂśrper im Serumcite-ref-68[68] und es folgte die Entdeckung, dass Serum von Rekonvaleszenten aus groĂen Poliomyelitis-Epidemien in Skandinavien und den Vereinigten Staaten das Virus neutralisieren kann (Neutralisationsreaktion). Aber erst 1939 wurde die Differenzierung in drei verschiedenen Serotypen von Charles Armstrong bestätigt.
In Europa und den Vereinigten Staaten wurden regionale Epidemien in einem Turnus von etwa 5â6 Jahren beobachtet, während es in den Intervallen immer wieder zu sporadischen Fällen kam. Einer der ersten grĂśĂeren AusbrĂźche war die Polio-Epidemie, die sich 1916 in den Oststaaten der Vereinigten Staaten ereignete. In ihrer Folge starben mehr als 6.000 Menschen. GrĂśĂere AusbrĂźche gab es in Europa beispielsweise 1932 in Deutschland mit 3.700 Fällen und 1934 in Dänemark mit 4.500 Fällen, wobei jeweils nur die paralytischen Verlaufsformen registriert wurden.cite-ref-69[69] Zu den Opfern des Sommers 1921 zählte der junge Franklin D. Roosevelt. Es wird heute zwar nicht ausgeschlossen, dass Franklin D. Roosevelt am Guillain-BarrĂŠ-Syndrom litt.cite-ref-70[70] Er selbst und seine Ărzte gingen jedoch bis zu seinem Lebensende von einer Polio-Erkrankung aus. Roosevelt, der sich sehr fĂźr die Bekämpfung der Polio-Erkrankung engagierte, grĂźndete am 3. Januar 1938 die National Foundation for Infantile Paralysis. Ziel der Wohltätigkeitsorganisation, die heute die Bezeichnung March of Dimes trägt, war es, Geld fĂźr die Forschung und fĂźr die Versorgung von Polio-Opfern zu sammeln.
In Kanada begann die Erfassung der Krankheitsfälle ab 1924, die jährlichen Zahlen schwankten von 113 Fällen (1926) bis zu knapp 4.000 Fällen (1937).cite-ref-4-71-0[71] Jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass in dieser Periode auch alle Fälle zugeordnet wurden, die eine Polio-ähnliche Symptomatik aufwiesen. Ab 1949 wurden ausschlieĂlich paralytische Formen der Erkrankung erfasst. In den 1950er Jahren kam es in Kanada zu zwei Epidemien: einer mit Peak um 1953 und einer weiteren, kleineren 1959.cite-ref-4-71-1[71]
In Asien und Afrika ist bis etwa 1950 Ăźber Poliomyelitis nur ganz vereinzelt berichtet worden; die Erkrankten waren in der Regel AngehĂśrige einer weiĂen Minderheit, die in eigenen Häusern und Wohnvierteln abgesondert von den Einheimischen lebte. Auch in einer Einheit von US-Marines, die 1946 bei Tientsin in China stationiert war, brach eine Polio-Epidemie aus.cite-ref-72[72] Diese und andere Indizien lassen vermuten, dass die Poliomyelitis ihren Ursprung in Nordamerika und Europa hatte und von dort Ăźber die ganze Welt verbreitet wurde.cite-ref-73[73]
Die Nachbehandlung der Krankheit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem mit einer Fixierung aller gelähmten GliedmaĂen durchgefĂźhrt. Diese Methode wurde ab den 1930er Jahren von der australischen Krankenschwester Elizabeth Kenny grundsätzlich in Frage gestellt; die Autodidaktin erzielte groĂe, aber zu ihrer Zeit hĂśchst umstrittene Erfolge mit Wärmebehandlung und physikalischer Therapie sowie Massagen. Das Kenny-Verfahren wurde trotz anfänglicher Opposition in die medizinische Therapie Ăźbernommen und auch bei akuten Fällen angewendet.
Auf dem Gebiet der Behandlung fĂźhrte die Entwicklung von MaĂnahmen fĂźr eine kĂźnstliche Beatmung, zunächst noch in Form der eisernen Lunge, zu einem Abnehmen der gefĂźrchteten Sterblichkeit der Poliomyelitis. Die groĂen Polioepidemien der 1950er Jahre zeigten jedoch schnell die praktischen Grenzen der Behandlung mit der eisernen Lunge auf; aufgrund der hohen Anschaffungs- und Betriebskosten dieser Geräte waren die Behandlungskapazitäten der Krankenhäuser begrenzt. Beispielsweise verzeichnete das Blegdamshospital in Kopenhagen im Juli 1952 täglich zwischen 50 und 30 Aufnahmen von Patienten mit Atemlähmung, dem nur eine eiserne Lunge und sechs Geräte zur KĂźrass-Ventilation zur Behandlung gegenĂźberstanden.cite-ref-74[74] Dem dänischen Anästhesisten BjĂśrn Ibsen gelang es, eine alternative Poliobehandlungsmethode zu entwickeln, bei der die Patienten intubiert (bzw. tracheotomiert) und mit einem Beatmungsbeutel langzeitbeatmet wurden. Die Mortalitätsrate am Bledgdamshospital sank daraufhin von 87 % auf 25 %. Die Langzeitbehandlung durch positive pressure ventilation fĂźhrte zwei Jahre später zur GrĂźndung der weltweit ersten âIntensivstationâ fĂźr schwerstkranke Patienten (1953) und gehĂśrt zur heutigen Standardbehandlung bei Verdacht auf das Vorliegen der bulbären Verlaufsform.cite-ref-75[75] Die ebenso häufigen bleibenden Lähmungen lieĂen sich aber weiterhin therapeutisch kaum beeinflussen, so dass erst die flächendeckende EinfĂźhrung der Impfung dazu gefĂźhrt hat, dass die Poliomyelitis eine historische Erkrankung zu werden beginnt.cite-ref-76[76]
1952 ermĂśglichte die EinfĂźhrung der Viruskultur in nichtneuralen Zellen durch die Nobelpreisträger John F. Enders, Thomas H. Weller und Frederick C. Robbins nicht nur das Ende der Tierversuche, sondern schlieĂlich auch die Entwicklung eines inaktivierten (Tot-)Impfstoffes (IPV) durch Jonas Salk 1954. In Kanada wurde der Totimpfstoff 1955 eingefĂźhrt, zwischen April und Juni jenes Jahres wurden 800.000 Kinder immunisiert.cite-ref-4-71-2[71] Der IPV war jedoch so schwach wirksam, so dass es in den USA und Kanada in der Folge zu einer Epidemie kam. Im Gegensatz dazu brachte 1960 der von Albert Sabin entwickelte abgeschwächte Lebendimpfstoff (OPV) den Durchbruch. Da die amerikanische Politik jedoch auf den scheinbar leichter zu handhabenden Impfstoff von Salk gesetzt hatte, sah sich Sabin gezwungen, ein groĂzĂźgiges Angebot der UdSSR anzunehmen, seinen Lebendimpfstoff dort zu entwickeln; klinische Studien wurden dort 1958/1959 von Michail Tschumakow durchgefĂźhrt. Da durch diese politische Konstellation auf dem HĂśhepunkt des Kalten Krieges eine Umsetzung in mit den USA befreundeten Staaten nicht mĂśglich war, Ăźbernahm die im neutralen Ăsterreich angesiedelte Pharmafirma Immuno das sowjetische Patent und beauftragte 1957 die Bundesstaatliche Bakteriologische und Serologische Untersuchungsanstalt in Wien mit der Ăberarbeitung nach westlichen Standards, die bis 1958 unter der Leitung des Wiener Bakteriologen Peter Johann Kraus erfolgreich abgeschlossen wurde.
1958 wurde in den USA ein Denkmal fĂźr fĂźnfzehn Polioforscher enthĂźllt, die Polio Hall of Fame.
Chronologie im Kampf gegen die Poliomyelitis
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 1400 v. Chr. | FrĂźheste Hinweise auf eine Poliomyelitis |
| 1840 | Erste Beschreibung der Kinderlähmung durch Jakob von Heine |
| 1890 | Erste Ausbruchsbeschreibung durch K. Medin (Schweden) |
| 1908 | Poliovirus wird entdeckt (Landsteiner/Popper) |
| 1916 | Ausbruch in New York (27.000 Gelähmte, 9.000 Tote) |
| 1921 | F. D. Roosevelt erkrankt im Alter von 39 Jahren an Polio |
| 1928 | Erster Einsatz einer Eisernen Lunge |
| 1948 | Poliovirus-Typen 1â3 bestätigt |
| 1952 | GrĂśĂte Polio-Epidemie in USA (57.628 Fälle) |
| 1952 | Ausbruch in Deutschland (9.500 Gelähmte, 745 Tote) |
| 1955 | Salk-Polio-Totimpfstoff (IPV) |
| 1960 | Sabin-Polio-Lebend-Impfstoff (OPV) , Beginn Impfung DDR und West-Berlin |
| 1961 | Beginn Schluckimpfung in USA |
| 1962 | EinfĂźhrung der Schluckimpfung in der BRD |
| 1962 | EinfĂźhrung OPV in Kanada |
| 1979 | Rotary -Polio-Engagement |
| 1980 | Randbemerkung: die Welt ist pockenfrei |
| 1985 | Rotary- PolioPlus (bislang mehr als 500 Mio. US$ gespendet) |
| 1988 | Programm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Ausrottung der Kinderlähmung (Polioeradikation) |
| 1990 | Letzter Polio-Fall in Deutschland |
| 1994 | WHO-Region Amerika ist poliofrei |
| 1998 | In Deutschland wird nur noch Tot-Impfstoff empfohlen |
| 2000 | WHO-Region West-Pazifik ist poliofrei |
| 2002 | WHO-Region Europa ist poliofrei |
| 2003 | RĂźckschlag durch erneute Ausbreitung der Polio in West- und Zentralafrika |
| 2006 | Erfolgreiche Eindämmung der Ausbrßche durch umfassende Impfkampagnen |
| 2015 | Polio-Typ 2 gilt als weltweit ausgerottet |
| 2019 | Polio-Typ 3 gilt als weltweit ausgerottet |
| 2020 | WHO-Region Afrika ist Wild-Polio-frei |
Fälle von Polio seit 2006
In unregelmäĂigen Abständen kommt es weltweit immer wieder zu vereinzelten AusbrĂźchen von Polio, die jedoch meist regional beschränkt sind.
⢠2006 trat die Poliomyelitis im Norden Nigerias â einem Gebiet, in dem Poliowildviren des Typs 1 und 3 zirkulieren â in einem grĂśĂeren Ausbruch auf. Die Ursache bestand in zur Impfung verwendeten attenuierten Viren des Typs 2, die durch Mutation wieder virulent wurden und sich aufgrund der lokal unzureichenden Immunität ausbreiten konnten. Laut Forschern kĂśnnten die 69 bestätigten Fälle und die Politik der Weltgesundheitsorganisation, die dies erst im September 2007 publizierte, die Ausrottung der Krankheit behindern.cite-ref-77[77]
⢠Aus Tadschikistan wurden 2010 bis zum 29. Juni mehr als 643 Fälle von akuter schlaffer Lähmung gemeldet. Das entspricht etwa 75 Prozent aller weltweit gemeldeten Fälle fĂźr 2010. In 334 Fällen konnte das Poliowildvirus Typ 1 nachgewiesen werden, davon verliefen 14 tĂśdlich. Alle Fälle traten bisher im sĂźdwestlichen Teil des Landes in der Provinz Chatlon und um die Hauptstadt Duschanbe auf. Als Reaktion auf den Ausbruch wurden mehr als drei Millionen Kinder geimpft und auch in den Nachbarländern Usbekistan und Afghanistan mit Impfkampagnen begonnen. Das ursprĂźnglich aus Uttar Pradesh in Indien stammende Virus wurde auch nach Russland weiterverschleppt, wo bis zum 29. Juni sechs Fälle gemeldet wurden. Damit ist es erstmals seit der Zertifizierung als âpoliofreiâ in der WHO-Region Europa wieder zu einer Einschleppung von Poliowildviren gekommen.cite-ref-78[78]
⢠Zum 7. Dezember 2010 meldete die Weltgesundheitsorganisation im Kongo 179 Tote und 476 Gelähmte durch das Poliowildvirus Typ 1 (WPV1). Das Virus stamme vermutlich aus Indien und sei Ăźber Angola in die Republik Kongo gekommen. Im Jahr 2000 galt dort Polio als ausgerottet. Der Ausbruch Ende 2010 galt als gefährlich, da auch Ăltere infiziert wurden und die Sterblichkeit mit 42 %cite-ref-79[79] ungewĂśhnlich hoch war. Zudem wurden vor allem Männer angesteckt. Die Krankheit war im Kongo im Oktober 2010 ausgebrochen.cite-ref-80[80] Nach einer neueren Analyse dieses Polioausbruches stellten Forscher fest, dass das Erbgut der in der Republik Kongo aufgetretenen Virusvariante derart verändert war, dass die nach Impfungen gegen die herkĂśmmlichen Varianten entstandenen AntikĂśrper diese neue Virusvariante nur schwer hatten lahmlegen kĂśnnen.cite-ref-81[81]
⢠2011 kam es zu mehreren Dutzend Erkrankungen in Pakistan und â infolge von Verschleppungen der Erreger â auch zu mehreren Erkrankungen im Autonomen Gebiet Xinjiang der VR China.cite-ref-82[82] China hatte zuvor letztmals 1999 Fälle gemeldet und reagierte mit einer Massenimpfung, die in fĂźnf Impfrunden 43 Millionen Impfdosen umfasste, und nach anderthalb Monaten wurde der letzte Fall gemeldet. China ermittelte Kosten in HĂśhe von etwa 26 Millionen US-Dollar fĂźr die direkte Bekämpfung des Ausbruchs.
⢠2013 erlitt die Polio-Eradikation einen Rßckschlag durch den wieder erstmaligen Auftritt von Polio in Somalia bei einem 32 Monate alten Mädchen. Seit 2004 war das Land Polio-frei.cite-ref-84[84]
⢠Ende Oktober 2013 waren im BĂźrgerkriegsland Syrien zehn Proben â von 22 Erkrankten â erstmals polio-positiv (Typ 1). Seit 15 Jahren waren in Syrien keine Polio-Fälle gemeldet worden, aufgrund der mangelhaften Impfversorgung infolge des BĂźrgerkrieges beginnt sich die Krankheit dort aber wieder auszubreiten.cite-ref-85[85]cite-ref-86[86] Am 11. November identifizierte die Weltgesundheitsorganisation den unter syrischen FlĂźchtlingen nachgewiesenen Erreger als AbkĂśmmling eines Virenstammes aus Pakistan, der 2012 auch in Proben aus Ăgypten, den Palästinensergebieten und Israel nachgewiesen wurde.cite-ref-87[87]
⢠Erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte verhängte die WHO im Mai 2014 konkrete Reisebeschränkungen. Das Poliovirus fand demnach seinen Weg von Pakistan nach Afghanistan und von Syrien in den Irak. Weiterhin sei Polio von Kamerun nach Ăquatorialguinea gewandert. Die WHO verlangt, dass sich Bewohner von Kamerun, Syrien und Pakistan, sollten sie ausreisen wollen, zuvor impfen lassen und ein entsprechendes Zertifikat mit sich fĂźhren. Die Zahl der dokumentierten Neuansteckungen habe sich von 223 im Jahr 2012 auf 417 im Jahr 2013 erhĂśht.cite-ref-88[88]
⢠2014 versicherte das WeiĂe Haus, die CIA wĂźrde keine Impfkampagnen mehr zur Informationsbeschaffung nutzen. Die CIA hatte offenbar im Rahmen der Operation Neptune Spear im Jahr 2011 im Rahmen einer Impfkampagne die unzweifelhafte Identität der Bewohner des Anwesens Osama bin Ladens in Pakistan zu erhalten versucht. Obschon die Ablehnung alles âWestlichenâ in islamistischen Kreisen grundsätzlich viel älter ist, fĂźhrte das Bekanntwerden zu einem zusätzlichen RĂźckschlag fĂźr die Polio-Impfkampagne.cite-ref-89[89]
⢠2015 traten in der Oblast Transkarpatien im Sßdwesten der Ukraine bei einem vierjährigen und einem zehn Monate alten Kind Polioerkrankungen auf, verursacht durch cVDPV. Dies sind die ersten Fälle seit 2010 in Europa. Die Weltgesundheitsorganisation gab an, dass 2014 in der Ukraine nur 49 % aller Kinder gegen Polio geimpft werden konnten, da es an Impfstoff mangelt. Bei Kindern unter einem Jahr beträgt die Impfquote nur 14,1 %.cite-ref-90[90]
⢠Im Frßhjahr 2022 traten in Israel mindestens 6 Fälle von Polio-Infektionen auf, darunter eine Person mit Symptomen. In drei Städten wurden cVDPVs im Abwasser nachgewiesen, was auf unentdeckte Infektionen in diesen Städten hindeutet. Als Reaktion auf den Ausbruch leitete das israelische Gesundheitsministerium eine Impfkampagne ein.cite-ref-israel-22-18-1[18]
⢠Im Juni 2022 wurden cVDPVs im Abwasser Londons nachgewiesen.cite-ref-92[92] Im Juli 2022 wurde in Rockland County, New York, eine Poliomyelitis diagnostiziert, nachdem die erkrankte Person bereits im Juni Symptome aufgewiesen hatte. Im September 2022 wurde im Bundesstaat New York der Notstand ausgerufen, nachdem das Virus im Abwasser von vier Bezirken (Orange County, Rockland County, Sullivan County und Nassau County) sowie in New York City nachgewiesen wurde.cite-ref-93[93]
⢠Im Juli 2024 wurde in sechs Gebieten des Gazastreifens cVDPVs zunächst aus der Umwelt isoliert.cite-ref-94[94] In der Folge wurde Mitte August 2024 eine Infektion bei einem zehn Monate alten Jungen diagnostiziert. Es war der erste bestätigte Fall in Gaza seit 25 Jahren. Daraufhin wurden Kampfpausen im laufenden bewaffneten Konflikt zwischen israelischem Militär und der Hamas verhandelt, um eine Impfung von ca. 640.000 Kindern im Alter unter 10 Jahren im Gazastreifen zu ermÜglichen.cite-ref-95[95]cite-ref-96[96]
Meldepflicht
Poliomyelitis ist in Deutschland eine meldepflichtige Krankheit nach § 6 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes (Meldepflicht bei Verdacht, Erkrankung und Tod). In Ăsterreich ist Kinderlähmung eine anzeigepflichtige Krankheit gemäà § 1 Abs. 1 Epidemiegesetz 1950 (Verdachts-, Erkrankungs- und Todesfälle). In der Schweiz ist Poliomyelitis ebenfalls eine meldepflichtige Krankheit und zwar nach dem Epidemiengesetz (EpG) in Verbindung mit der Epidemienverordnung und (Anhang 1) der Verordnung des EDI Ăźber die Meldung von Beobachtungen Ăźbertragbarer Krankheiten des Menschencite-ref-97[97] (Meldung eines klinischen Verdachts).
Trivia
In der dritten Staffel der Fernsehserie CharitÊ wird auf den zeitlichen Unterschied der Impfkampagnen in Ost- und West-Berlin Bezug genommen. Während in Ost-Berlin schon eine flächendeckende Impfung durchgefßhrt wurde, war die Impfung in West-Berlin kurz vor dem Bau der Berliner Mauer noch nicht eingefßhrt.
Das Bayerische Staatsministerium des Innern gab im Jahr 1973 eine Gedenkmedaille mit der Inschrift Geimpft â geschĂźtzt heraus, den sogenannten âImpftalerâ.cite-ref-98[98]
Als letzter Ăberlebender der Polio-Epidemie 1952 in den USA galt der 2024 im Alter von 78 Jahren verstorbene texanische Anwalt Paul Alexander. Er hatte die Eiserne Lunge bis zu seinem Tod 72 Jahre lang genutzt und damit wohl länger als jeder andere Mensch. Alexander verfasste Ăźber sein Leben eine Autobiografie mit dem Titel Three Minutes for A Dog â My Life In an Iron Lung. Zudem war Alexander Vorsitzender des Rotary Clubs in Dallas, der sich vor allem fĂźr die Eradikation von Polio einsetzt.
Siehe auch
Literatur
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Belletristik:
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Weblinks
Commons
: Poliomyelitis
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Poliomyelitis
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Kinderlähmung
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
⢠Poliomyelitis â Informationen des Robert Koch-Instituts
⢠Global Polio Eradication Initiative
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Einzelnachweise
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